Ginnheimer Blättche aktuell, Ausgabe Nr. 15 - April 2003 bis Herbst 2003 I zurück
Wie Frankfurt evangelisch wurde (Teil 3)
Die Hoffnung für sein Evangelium habe er nicht auf Frankfurt gesetzt, hat Martin Luther gesagt. Als er am 14. April 1521 erstmals zum Evangelischen Kirchentag in Frankfurt Station machte, lief der katholische Dekan des Liebfrauenstifts, Johannes Cochläus, fast Amok.
Mitte des 16. Jahrhunderts spitzten sich die Religionskonflikte erneut zu: Angesichts der Niederlage des Bundes gegen den Kaiser im Schmalkaldischen Krieg, der Frankfurt eine immens hohe Verschuldung und eine monatelange Besatzung 1546/47 einbrachte, unterwarf sich die Reichsstadt wieder bedingungslos dem Kaiser. Auf dem "Geharnischten Reichstag" von Augsburg 1548 musste sie sich daher ganz dem obrigkeitlichen Willen beugen. So konnte die Frankfurter Stiftsgeistlichkeit jetzt die Restitution des katholischen Gottesdienstes im Dom und in einigen anderen Kirchen der Stadt erwirken. Im Oktober 1548 mussten die Protestanten den Dom räumen und künftig mit der (wesentlich kleineren) Barfüßerkirche als evangelischer Hauptkirche vorlieb nehmen. Mit der Rückgabe des Doms an die Katholiken war die Voraussetzung dafür geschaffen, dass Frankfurt weiterhin Wahl- und seit 1562 auch Krönungsort der deutschen Könige sein konnte.
Erst der auf dem Reichstag von 1555 geschlossene Augsburger Religionsfrieden brachte den Lutheranern auch in Frankfurt die reichsrechtliche Anerkennung ihres Glaubens. Künftig konnte die Stadt evangelisch und kaisertreu zugleich sein. Allerdings musste sie die Religionsausübung der wenigen altgläubig gebliebenen Einwohner dulden. Die katholische Minderheit genoss aber - ebenso wie die seit 1554 zugewanderten reformierten Glaubensflüchtlinge - keine bürgerliche Gleichstellung in der Reichsstadt. Das politische Regiment führten ausschließlich Angehörige der lutherischen Konfession, während die ökonomisch maßgebenden reformierten und katholischen Kaufleute weder in den Rat gewählt werden noch ein städtisches Amt bekleiden konnten.
Obwohl Frankfurt also damals bereits eine "multikonfessionelle" Stadt war, herrschte zwischen den Religionen noch lange Intoleranz und Feindseligkeit. Erst in napoleonischer Zeit, als Frankfurt mit der Auflösung des Reichs seine privilegierte Stellung verloren hatte, verordnete der nunmehr die Stadt regierende Fürstprimas Dalberg 1806 die bürgerliche Gleichstellung der Reformierten und Katholiken mit den Lutheranern. Dalberg verfügte 1811 auch die Gleichberechtigung der in Frankfurt lebenden Juden, welche jedoch nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft 1815 wieder aufgehoben und erst 1864 endgültig erreicht wurde. (Schluss)
Sabine Hock für PIA-Wochendienst 4/01