Ginnheimer Blättche aktuell, Ausgabe Nr. 20 - November 2005 bis Ostern 2006 I zurück

Nachruf

Eine bedauerliche Geschichte ist zu vermelden. Nein, nichts Großes. Aber wer mag, kann um einen fünfzigjährigen Baum trauern. In Alt-Ginnheim kannte sie jeder: die Eibe an der Südseite der alten Bethlehemkirche auf dem Kirchplatz. Schon lange hatten sich die Bürger einen etwas schöneren Kirchplatz gewünscht. Als dann die Behörde mit dem Pro-gramm "Schöneres Frankfurt" die Angelegenheit endlich in die Hand nahm, sollte auf jeden Fall die Eibe wegkommen und zwei von vier Robinien fallen.

Die Eibe war völlig gesund, aber nach Meinung der Beamten störte sie wohl die geplante Symmetrie des künftigen Platzes. Da gab's Protes-te seitens der Bürgerschaft. Sogar die Presse nahm sich dankenswerterweise dieser kleinen Ginnheimer Angele-genheit an. Unter diesem Druck beschloss das Grünflächenamt gnä-diglich, die Eibe am Leben zu lassen. Zu diesem Behufe musste sie allerdings umziehen. Statt dessen wurden dann alle vier alten Robinien beseitigt. Fotos der zersägten unteren Stämme können belegen, dass die Bäume sehr wohl noch gesund waren. Die über fünf Meter hohe Ginnheimer Eibe wurde für den Transport reichlich gestutzt und vor die Eschersheimer Emmauskirche gesetzt. Ob nun der vorige Sommer zu tro-cken war, wie das Gartenamt annimmt, oder man sich mehr um den Baum hätte kümmern müssen, muss offen bleiben. Jedenfalls ist die Eibe jetzt eingegangen. Als das Grünflä-chenamt diese betrübliche Entwicklung erfuhr, wurde sie kurzerhand "entnommen" (Brief der Stadträtin Ebeling).

Die 6.000 Euro Umzugskosten hätte man sich also gut sparen können. Noch viele Jahre wird es dauern, bis der Ginnheimer Kirchplatz wieder ein grünes, heimeliges Plätzchen wird. Dass der Umzug eines Baumes auch erfolgreich verlaufen kann, zeigte die stark beachte Reise einer 300-jährigen Eibe durch Frankfurt. Im Jah-re 1907 wurde dieses Prachtexemplar aus dem alten Botanischen Garten auf dem Senckenbergi-schen Stiftsgelände zwischen Stiftstraße und Bleichstraße vom Eschenheimer Turm zur Ginnheimer Höhe in der Nähe des neuangelegten Palmengartens gebracht. Mehrere Tage bewegte eine Dampfwalze den 45 Tonnen schweren Wurzelballen vorwärts. Zahlreiche Schaulustige begleiteten den 3,5 km langen Reiseweg in Frankfurts Westen. Etwas vom Alter gezeichnet, vierhundert Jahre sind auch für eine Eibe kein Pappenstiel, ist dieser ehrwürdige Veteran noch heute im nördlichen Teil des Palmengartens neben dem Kinder-spielplatz zu besichtigen.

Jürgen W. Fritz

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