Ginnheimer Blättche aktuell, Ausgabe Nr. 20 - November 2005 bis Ostern 2006 I zurück

Die Zettel

Ein ruppiger Umgangston und Disziplinmangel herrschten schon lange in der schwierigen Klasse. Schließlich bat die Lehrerin die Kinder in einer Verfügungsstunde, die Namen aller Mitschüler auf ein Blatt Papier zu schreiben und ein wenig Platz neben den Namen zu lassen. Dann sollten sie überlegen, was das Netteste ist, das sie über jeden ihrer Klassenkameraden sagen können, und das sollten sie ne-ben die Namen schreiben. Es dauerte die ganze Stunde, bis jeder fertig war, und bevor sie in den Pausenhof gingen, gaben sie ihre Blätter der Lehrerin. Am Wochenende schrieb die Lehrerin jeden Schülernamen auf ein einzelnes Blatt und darunter die Liste der netten Bemerkungen, die ihre Mitschüler über den einzelnen auf-geschrieben hatten. Am Montag gab sie jedem Kind seine oder ihre Liste. Kurz darauf lächelten alle. „Wirklich?" Hörte man flüstern, „Ich dachte gar nicht, dass ich irgend jeman-dem was bedeute!" Und „Ich wusste nicht, dass mich andere so mögen", waren die Kommentare.

Danach erwähnte niemand mehr die Listen. Die Lehrerin erfuhr nicht, ob die Schüler sie untereinander oder mit ihren Eltern diskutiert hatten, aber darum ging es nicht. Die Übung hatte ihren Zweck erfüllt. Die Schüler gingen nun wesentlich freundlicher miteinander um, und Disziplin, Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft hatte sich verbessert.

Einige Jahre später war einer der Schüler verunglückt, und auch die Lehrerin ging zum Begräbnis. Die Kirche war über-füllt mit Anteil nehmenden Freunden. Lange dauerte es, bis alle dem Sarg die letzte Ehre erwiesen hatten. Beim Leichenschmaus saßen Marks Eltern neben der Lehrerin. „Wir wollen Ihnen etwas zeigen", sagte der Vater und zog eine Geldbörse aus seiner Tasche. „Das wurde gefunden, als Mark den Unfall hatte. Sie werden es kennen."

Aus der Börse zog er ein abgenutztes Blatt, das zusammengeklebt, viele Male gefaltet und auseinandergefaltet worden war. – Die Lehrerin wusste ohne hinzusehen, dass es eines der Blätter war, auf denen die netten Dinge standen, die seine Klassenkameraden über den Jungen geschrieben hatten.

„Wir möchten Ihnen so sehr dafür danken, dass Sie das gemacht haben", sagte Marks Mutter. „Wie Sie sehen, war das Papier unserem Sohn sehr wichtig." Nebendran saß Stefan und lächelte: „Ich habe meine Liste auch noch, sie ist oben in meinem Schreibtisch". Martins Frau sagte: „Mein Mann bat mich, die Liste in unser Hochzeitsalbum zu kleben." „Ich habe meine auch noch", antwor-tete Marie, „sie ist in meinem Tagebuch." Vicki zog ihre abgegriffene und ausgefranste Liste aus dem Taschenkalender. „Ich trage sie immer bei mir". –

Die Lehrerin war so gerührt, dass sie nichts mehr sagen konnte. Wie leicht vergessen wir, dass jedes Leben eines Tages endet, und dass wir nicht wissen, wann dieser Tag sein wird. Ob Hausgemeinschaft, Betrieb oder Schulklasse: manches Klima könnte freundlicher sein, wenn wir das bedenken.

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