Ginnheimer Blättche aktuell, Ausgabe Nr. 21 - Ostern 2005 bis November 2006 I zurück
Frankfurter Straßennamen: Was steckt dahinter?
Oft laufen wir an Straßenschildern vorbei, deren Namen unsere Erinnerung wach rufen. Manchmal hilft die Stadt einem spontan entstehenden Wissensdurst nach und gibt auf einem Zusatzschild mit dürren Daten einen Hinweis, meist lässt sie uns im Dunkeln. Auch Lexika bringen nicht immer Licht in die Sache. Das ist eigentlich schade. Denn die intensivere Beschäftigung mit den Namensgebern ist ein Crashkurs in Geschichte, Kultur und Wissenschaft.
Straßennamen sind auch ein Spiegelbild der Intelligenz und Denkungsart ihrer Schöpfer, der Politiker. Eine Rosen-, Tulpen-, Nelkenstraße zu kreieren, zeugt von Einfallslosigkeit. Einen Platz nach einem drittklassigen Stadtteilpolitiker zu benennen, ist politischer Dünkel, ein Prof.-Dr.-Franz-von-X-Y-Weg eine Zumutung für die dortigen Bewohner. Auf der anderen Seite sind Goethe-, Schiller- und Mozartstraßen in allen Nachbarorten auch vorhanden. Auf die gesunde Mischung kommt es an, und die hat Frankfurt durchaus.
Das Stadtarchiv Frankfurt ist nach eigener Aussage dabei, für alle 3.500 Straßen im Stadtgebiet Informationen zusammen zu tragen. Der Termin für die Veröffentlichung könnte noch dauern. Wikipedia arbeitet da wohl schneller, denn unter „http://de.wikipedia.org/wiki/ListeFrankfurterStraßennamen“ ist ein Fundus entstanden, der jedem herkömmlichen Nachschlagewerk überlegen ist und zeitnah aktualisiert wird. Da kann der schnelle Leser die Grunddaten des zu Ehrenden aufrufen, und bei entsprechender Neugier findet er per Mausklick ausgiebige Auskünfte mit weiteren Querverweisen.
So wird beispielsweise die um ihren Sohn besorgte Mutter unter Liebigstraße den tröstlichen Hinweis finden, dass Justus von Liebig, einer der bedeutendsten deutschen Chemiker, bereits in der Sekunda vom Gymnasium gehen musste, weil ihn sein Lehrer für zu dumm befand, Apothekerlehrling zu werden. Sie lernt aber auch, dass Liebigs Fleischextrakt und das Backpulver ihm zu verdanken sind, und dass durch seine Forschung Hungerepidemien verhindert werden konnten.
Wie gesagt, Straßennamen können anregend sein, unser Allgemeinwissen aufzubessern und geschichtliche Zusammenhänge auf teilweise amüsante Art zu erkennen. Geschadet hat es noch nie, zu wissen, was es mit einem Namen für eine Bewandtnis hat. Wir lesen da zum Beispiel unter
Reichelstraße, Ginnheim
benannt nach dem Ginnheimer Bürgermeister
Balthasar Reichel (1801-1879) und
Rebgärten, Ginnheim
So komisch es heute klingen mag: auch in Ginnheim wurde reichlich Wein angebaut, bis die Reblaus für ein natürliches Ende sorgte.
Alfred Linder